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Kalkutta

Luisa Shehadeh, Juni 2017

Als ich mich während meines Studiums dazu entscheide, einen Teil meiner praktischen Ausbildung bei Calcutta Rescue in Indien abzuleisten, habe ich nur eine vage Vorstellung, was mich erwarten wird. Natürlich habe ich die Erfahrungsberichte ehemaliger Volontäre gelesen und gehört und sogar einige Bilder der Projekte gesehen. Aber als ich während der Clinic Tour tatsächlich das erste Mal vor Ort bin, bin ich überwältigt. Die Ambulanzen sind sehr einfach: Räume mit einem Dach aus Wellblech und improvisierten „Wänden“. Innen drängen sich die Patienten und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Über mir surren die Ventilatoren, Kinder weinen und die Patienten begutachten mich neugierig. Ich bin mindestens so gespannt wie sie! 

luisa

Einige Wochen später bin ich wieder in der Talapark Ambulanz, der größten der drei Ambulanzen, und helfe bei der Ausgabe der Medikamente. Hierzu werden kleine Papiertütchen mit Piktogrammen zur Einnahme der Medikamente beschriftet. Die Papiertütchen werden anschließend befüllt, geprüft und an die Patienten abgegeben. Die Arbeit  mit den indischen Mitarbeitern macht Spaß. Es wird viel geschrien, gelacht und manchmal sogar gesungen. Und natürlich zwischendurch süßer Chai getrunken. In der Apotheke verbringe ich den Großteil meiner Zeit. Dort arbeite ich mit Thomas, einem Volontärapotheker aus der Schweiz, und Santanu, dem hauptamtlichen indischen Apotheker, zusammen. Von hier werden die drei Ambulanzen von Calcutta Rescue sowie das Straßenmedizin Programm mit Arzneimitteln versorgt.  Wir kümmern uns gemeinsam um die Arzneimittelspenden, die gelistet werden, um sie auf die Ambulanzen zu verteilen. Außerdem bearbeiten wir Anfragen und Anliegen der Ärzte, helfen bei der Vorbereitung der Bestellungen,  geben “pharmacy lessons” (einstündige Unterrichtseinheiten), um die Mitarbeiter der Ambulanzen weiterzubilden, und nehmen an monatlichen Konferenzen mit den Ärzten teil. Bei letzteren werden Patientenfälle und aktuelle Anliegen besprochen. Mittags essen wir zusammen mit den Mitarbeitern Reis und Dal (Linsen) aus der nahegelegenen Polizeikantine. Nach ein wenig Übung gelingt es mir sogar, mit der Hand zu essen.

Ende des Jahres steht die Ausschreibung für die Arzneimittellieferanten an. Hierfür annonciert Calcutta Rescue eine Liste der verwendeten Medikamente in der Zeitung. Die Lieferanten machen Calcutta Rescue ein Angebot. Nun gilt es, alle Angebote in eine Liste einzutragen (die Inder scheinen ein Faible für Listen zu haben) und neue Lieferanten zu besuchen, um die Qualität und die Lagerung der Arzneimittel zu überprüfen. Am Ende der Ausschreibung entscheidet Calcutta Rescue, bei welchen Lieferanten Arzneimittel bezogen werden.

Neben den alltäglichen Aufgaben arbeite ich an einem Projekt, das die Therapietreue und das Verständnis bezüglich Arzneimittel der Patienten untersucht. Dazu habe ich einen Fragebogen entwickelt und führe mit Hilfe eines Übersetzers Interviews mit den Patienten. Diese sind sehr offen und erzählen mir auch viel über ihr Leben. Die meisten haben bereits eine mehrstündige Reise hinter sich, wenn sie in der Ambulanz ankommen. Sie arbeiten als Rikshawfahrer, Vanpuller oder auf den Feldern. Teilweise leben sie unter Bedingungen, die für mich unvorstellbar sind. Und trotzdem beantworten sie geduldig meine Fragen. Wenn ich mich mit einem indischen Kopfwackeln für das Interview bedanke, schenken sie mir ein Lächeln, das mich sehr berührt.

Die Abende und die Wochenenden verbringe ich meist mit den anderen Volontären von Calcutta Rescue, mit denen ich mir im Süden der Stadt eine Wohnung teile. Kalkutta hat als Stadt viel zu bieten und ich liebe das Stadtbild mit den vielen Bäumen, den klapprigen bunten Bussen und den gelben Taxis. Neben den typischen Sehenswürdigkeiten hat es auch kulturell viel zu bieten. Und auch wenn man nur zum Markt geht, kann es passieren, dass man unterwegs ein kleines Abenteuer erlebt. 

Wenn ich jetzt auf die letzten Monate zurückblicke, fallen mir viele schöne Momente ein. Gerade am Anfang war es aber auch sehr herausfordernd, da die indische Mentalität, besonders was die Arbeit angeht, uns sehr fremd ist. Die Uhren ticken hier einfach etwas langsamer und man muss sich erst in den indischen Rhythmus einfinden. Aber genau dieses Fremde macht für mich auch den Reiz aus und ich bin froh, dass ich durch meine Zeit bei Calcutta Rescue viele tolle Menschen kennenlernen durfte und  viel lernen konnte -  über die indische Kultur, die Arbeit in einer NGO und vor allem über mich selbst.