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Zwei Physiotherapeutinnen im Einsatz

Alexandra Heinrich, November 2019

 

Alessandra Ciuollo

Alessandra Ciullo

Eine Freiwillige schreibt über eine Freiwillige. Ich bin Alexandra Heinrich, seit vielen Jahren aktiv für den deutschen Verein und die Projekte vor Ort, und war 2018 und 2019 über ein Jahr in Kalkutta, um die Physiotherapie bei Calcutta Rescue zu unterstützen.

Auf diesem Bild ist Alessandra Ciullo zu sehen, meine tatkräftige Nachfolgerin seit August. Beide sind und waren wir Wiederholungstäterinnen vor Ort. Alessandra ist aus der Schweiz. Bevor sie vor einigen Jahren zum ersten Mal nach Kalkutta ging, hatten wir ein längeres Telefongespräch, in dem ich sie erfolgreich für die Arbeit in den Projekten begeistern konnte. Was sie mir irgendwann viel später einmal erzählte. Begegnet sind wir uns noch nie persönlich, haben es aber herzlich miteinander.

Gemeinsam mit den indische Kollegen bei Calcutta Rescue konnten wir seit Anfang 2018 in der Physiotherapie sehr viel verbessern und vergrößern und Alessandra hat daran fast nahtlos anknüpfen können. Für mich so schön zu sehen.

Diesen Sommer ist ein indischer Mitarbeiter gegangen und es ist nicht so einfach engagierte Kollegen für eine Hilfsorganisation zu finden, aber es hat wieder einmal geklappt und das Team stellt sich damit gerade neu auf. Auch die Physiotherapie in der Nimtala Ambulanz läuft erfolgreich weiter.

Alessandra und unsere indische Physiotherapie-Kollegin Shyantani haben mit den Ärzten und Pharmazeuten in den vergangenen Wochen ein Herz-Rehabilitationsprogramm aufgebaut, das für Patienten nach Herzoperationen und schwerwiegenden Kreislauferkrankungen eingesetzt werden wird. Ab Januar ist es soweit. Nicht einfach auf so engem Raum, aber alle freuen sich darauf.

Es gibt so viel zu tun und jeder bringt besonderes Knowhow mit.

Alexandra Heinrich
Alexandra Heinrich mit ihren Arbeitskolleginnen von Calcutta Rescue

Mein Zweitjob war die Koordination der internationalen Freiwilligen, Alessandra unterrichtet zusätzlich als leidenschaftliche Spielerin die Schüler und Schülerinnen der Calcutta Rescue Schulen im Fußball. In Kalkutta wird sehr viel Fußball gespielt, dass hatte mich selbst überrascht. Auch zur Fußball WM letztes Jahr war sehr viel los, vor allem für Brasilien. Viele Straßen waren lange und ausgiebig grün und gelb geschmückt.

Gestern schickte mir Alessandra dieses Bild mit dem Text dazu, dass die Kids so begabt sind und manche der Mädels noch mehr als die Jungs. Ich kann mir das flinke Rennen, Trippeln und Spielen bildhaft vorstellen, mit vielen Lachern der Youngsters, Jubel und auch Seufzern, wenn es nicht ganz so klappt.

Alessandras Einsatz geht vor Weihnachten zu Ende. Ich freue mich auf noch mindestens ein Telefonat mit ihr „Kalkutta - Deutschland“ und den Neuigkeiten und Geschichten aus der „Stadt der Freude“ und der „kleinen“ und doch so großen Charity Calcutta Rescue.

 

Von Projesh Polash, Tagore-Brahma

November 2012

projesh

Mein Einsatz für Calcutta Rescue konnte ich durch Kost und Logis  über meine Familie in Kalkutta organisieren. Ein Teil meiner Arbeit in Indien bestand darin, als zusätzlicher Therapeut mit neuesten Behandlungstechniken und Therapieansätzen aus Europa, das Physiotherapeutenteam von Calcutta Rescue in seiner Effizienz zu unterstützen, welches mit wenig Technik und Hilfsmitteln ausgestattet ist.

Da für Calcutta Rescue inzwischen zwei qualifizierte indische Physiotherapeuten dienstags, donnerstags und freitags im Einsatz waren, assistierte ich diesen und wurde zudem an den übrigen Tagen, montags und mittwochs, für die Aufnahme zusätzlicher Patienten selbständig eingesetzt. Ich hatte so die Möglichkeit in diesem kurzen Einsatz, die Arbeit von Calcutta Rescue und des interdisziplinären Teams, bestehend aus Ärzten und Therapeuten, in seiner Effektivität kennenzulernen.

In der interdisziplinären Zusammenarbeit von Ärzten und Therapeuten, wurde ich bei den Ärztebesprechungen, bei schwierigen Entscheidungen über Operationen und weiteren Therapiemaßnahmen, zu Rate gezogen.

Die Patientengeschichte eines 14 Jahre jungen Mädchen, beschäftigte mich sehr während meiner Zeit bei Calcutta Rescue. Die Entscheidung über ihre weitere Therapie zu treffen, war nicht leicht und wurde im Team zwischen Ärzten, dem leitenden Physiotherapeuten Supriyo und meiner zuerst gegenteiligen Meinung, über viele Wochen diskutiert, bis wir uns schweren Herzens einigen mussten.

Sie kam mit ihrer Mutter von weit her, aus einem umliegenden Dorf Kalkuttas, so dass es jedes Mal ein schwieriger und anstrengender Weg war und eine regelmäßige physiotherapeutische Behandlung nicht möglich war. Die Distanz und der schwierige Transport ist eines der größten Probleme bei der Behandlung vieler Patienten bei Calcutta Rescue.

Als kleines Kind erkrankte sie an Tuberkulose, was sehr häufig in dieser Region vorkommt. Im Januar 2005, damals war sie sieben Jahre alt, kam es zu einer postprimären Tuberkulose Infektion, einer Knochentuberkulose ohne Lungenbeteiligung. Nach einer darauffolgenden Fraktur des Oberschenkelknochens, wurde sie das erste Mal bei Calcutta Rescue als Patientin aufgenommen.

Man entschied sich zuerst für eine konservative Versorgung der Fraktur, welche aber ohne Heilung blieb. Als nächste Maßnahme wurde eine Knochentransplantation im staatlichen Krankenhaus durch Calcutta Rescue ermöglicht. Es wurde Knochenmaterial aus dem gesunden Wadenbein entnommen und mit einer Marknagelosteosynthese fixiert. Durch die Ansteckung mit den Mykobakterien im frühen Kindesalter, entwickelte sich leider eine chronische Osteomyelitis (bakterielle Knochenentzündung), die zum Bruch der Marknagelosteosynthese im Mai 2009 führte.

Eine weitere Knochentransplantation erfolgte mit äußerlicher Fixation, was aber wegen der Osteomyelitis im November 2009 wieder entfernt werden musste. Aufgrund des niedrigen Kalziumspiegels im Knochentransplantat des Wadenbeins, musste 2010 erneut Knochenmaterial aus dem Beckenkamm entnommen werden, um es dort einzufügen.

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Bis heute ist der Zustand des vierzehn jährigen Mädchens sehr schlecht. Da das gesunde linke Bein ständig weiter wuchs und das kranke rechte Bein im Wachstum zurückblieb, entstand ein Beinlängenunterschied von ca. 30 cm, der nur durch eine mangelhafte Orthesenversorgung des kürzeren Beins ausgeglichen ist. Dadurch enstand ein  Beckenschiefstand sowie eine starke seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule.

Die Hoffnungen des Mädchens eines Tages zu heiraten und ein normales Leben zu führen, brachte sie dazu, immer wieder um Hilfe zu bitten und sich gefährlichen Operationen zu unterziehen. Da sie und ihre Mutter um eine weitere Operation baten, einer Osteosynthese zur Beinverlängerung mit Knochentransplantation, durch welche vermutlich eine Verlängerung von ca. 3 cm hätte erreicht werden können, haben wir im Team immer wieder über ihren Fall gesprochen. Die Entscheidung gegen eine Operation, aufgrund der Risiken bei solch einer chronischen Osteomyelitis, enttäuschte die Familie sehr.

Wir einigten uns im Team vorerst auf Maßnahmen der Physiotherapie, P.N.F. und der manuellen Therapie, um zur Linderung die Verdrehung der Wirbelsäule und den Beckenschiefstand zu mobilisieren und die beteiligten Muskeln zu kräftigen. Mit der Hoffnung, dass durch tägliche Therapie, axiale Belastung und bessere Ernährung, auch ein gewisser Wachstumsreiz gesetzt werden könnte, wurde die Patientin von uns in das Hope-Hospital-Kolkata überwiesen.

Vertröstet wurde das junge Mädchen, ihre Hoffnungen nicht aufzugeben und in zwei Jahren wieder zurückzukehren, um eine weitere Expertise bei einem Chirurgen zu erstellen. Ob der Zustand ihrer Knochen bis dahin verbessert ist, ist leider nicht unbedingt abzusehen.

Tuberkulose Patient, bei der Sekretmobilisation durch Atemtherapie

Tuberkulose Patient bei der Sekretmobilisation durch Atemtherapie

Es war für mich auch sehr interessant mit Tuberkulose Patienten zu arbeiten, die an multiplen Medikamentenresistenzen litten und mit Ihnen die Maßnahmen der Atemtherapie zur Sekretmobilisation in den Lungen und versch. Formen der Drainagelagerung zum gezielten Abhusten der Lungenflügel zu erarbeiten. Besonders bei hartnäckigen Tuberkulose Patienten wurden solche Maßnahmen durch die Ärzte von Calcutta Rescue verordnet und deutlich dokumentierte Erfolge erzielt.

Ich war hauptsächlich in der Talapark Ambulanz im Einsatz, aber auch in Sealdah und der Chitpur Lepra Ambulanz (welche inzwischen zu einer Halle ausgebaut ist!).

Nachdem ich die Hintergründe und die Arbeit von Calcutta Rescue kennengelernt habe, bin ich voller Vertrauen in diese Hilfsorganisation und möchte sehr gern mein Engagenement von Deutschland aus weiterführen.

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Vielen Dank!

 

von Alexandra Heinrich, 2007

Die Stadt Kalkutta - empfangen wurde ich nach meiner Landung von unglaublich regem Treiben auf den Straßen, chaotischstem Verkehr in Richtung der Innenstadt, wobei ich schon an meinem ersten Tag lernte einfach die Augen zu schließen, wenn das Taxi überholte oder ausweichte und ich dachte das kann einfach nicht klappen. Übernächtigt von einem langen Flug wird man zugleich erschlagen von den neuen vielen Eindrücken. Dachte ich im Auto noch, das sieht doch gar nicht so extrem aus, wurde mir bei meinem ersten Gang durch die Menschenmasse ganz anders, als ich versuchte nicht ständig gegen jemanden zu rennen und auch nicht unter die Räder zu kommen. Schon nach wenigen Tagen taucht man in den Strom von Mensch, Tier und Verkehr ein.
Gewohnt habe ich wie viele andere Mitvolontäre in der berühmten Modern Lodge, bis wir durch Zufall Ende Februar eine neu renovierte Unterkunft auf dem Dach eines Guest Houses parallel zur Sudder Street fanden. Dort wohnten wir mit Volontären unterschiedlicher Organisationen zusammen und für uns alles war es ein guter und heimeliger Rückzugsort für treffen, feiern, zusammensitzen und unterhalten.

Ich bin vor Weihnachten nach Kalkutta, hatte ein paar "beschauliche Tage" zum Gewöhnen und fing nach den Feiertagen an zu arbeiten.
Calcutta Rescue hatte Ende November nach längerer Suche eine neue indische Physiotherapeutin eingestellt, nachdem die langjährige ehemalige Physiotherapeutin aus Kalkutta weggezogen war. So traf ich auf meine Kollegin Nupur, die sich schon einige Wochen alleine eingearbeitet hatte und wir begannen zu zweit die Physiotherapieabteilung der Kliniken wieder aufzubauen, nachdem es eine mehr als zweimonatige Pause der Behandlungen gegeben hatte.
Nupur hat in Kalkutta studiert, hat ein gutes Grundwissen und spricht sehr gutes Englisch. Ungewohnt war für sie in einem Team zu arbeiten, noch dazu mit jemand europäisches und unterschiedlicher Ausbildung. Die Physiotherapie in Indien ist noch sehr jung.
So war Nupur am Anfang mir gegenüber sehr skeptisch, fühlte sich kontrolliert und durch das Übersetzen für mich auch unter Druck gesetzt. Unsere Zusammenarbeit und auch die interdisziplinäre Arbeit mit den Ärzten und dem restlichen Personal war dadurch etwas beeinträchtigt. Viel Geduld, Verständnis, Aufnehmen und Verstehen der indischen Arbeitsweise brachte mir nach doch recht langer Zeit endlich ihr Vertrauen und Nupur erkannte, dass auch sie von unserer Zusammenarbeit profitierte. So war die zweite Hälfte meines Aufenthalts und der Arbeit für Calcutta Rescue deutlich entspannter und produktiver.
Als Physiotherapeutin war ich in allen Straßenkliniken und auch in der Schule sowie hin und wieder als Hausbesuch in einem Pflegeheim tätig. Unsere Arbeit war sehr vielseitig und herausfordernd. Viele rheumatisch erkrankte Patienten, Diabetes, chronische Rückenprobleme durch harte Arbeit und Lebensbedingungen, Schlaganfallpatienten, unterentwickelte Kinder sowie CP (kindlich erworbene Hirnschädigung), Knieprobleme, aber auch Patienten nach Verbrennungen und vieles, was man hier in Europa eigentlich nicht zu sehen bekommt, wie Lepra und Tuberkulose.

So betreuten wir u.a. eine 40 jähriger Schlaganfallpatientin. Zu Beginn noch große Probleme selbst das Gleichgewicht im Stehen zu kontrollieren, konnte sie durch regelmäßige Therapie und Versorgung mit einer Fußschiene nach einigen Wochen wieder fast alleine gehen und auch das Sprechen und Verstehen wurde durch die Verbesserung der physischen Bedingungen trainiert. Bei Schlaganfällen sind oft auch die Sprachzentren betroffen.
Zur gleichen Zeit hatten wir das vierjährige Mädchen Guria in Behandlung. Sie hatte die Körpergröße und geistige/körperliche Entwicklung einer einjährigen und war sehr lethargisch. Durch unsere Behandlung, das Anbahnen von Bewegungen und Bewegungsübergängen, das Stehen und Gehen mit gleichzeitiger Anleitung der Mutter, brachte in kurzer Zeit den Erfolg, dass sie sich alleine auf die Beine stellte, deutlich weniger fremdelt, ihre Umgebung mit Freude erkundete und ihren eigenen Körper besser kennen lernte. Es bleibt zu hoffen, dass sich in diesem Zuge auch Gurias Ernährungssituation verbessert.
Die Patientencompliance war sehr unterschiedlich, wovon auch für uns der Fortschritt in der Behandlung abhing sowie von der Regelmäßigkeit, die viele unserer Patienten nicht einhalten konnten, da sie von sehr weit her kamen. Hier war mehr denn je eine gutes Heimprogramm nötig. Neben der Arbeit in den Kliniken und der Schule nahmen wir an medizinischen Meetings teil, besorgten Hilfsmittel für Patienten und schrieben Berichte.
Generell ist die physiotherapeutische Arbeit bei Calcutta Rescue auf der einen Seite nicht anders als wie wir sie hier in Deutschland kennen, auf der anderen Seite durch die dortigen Bedingungen wie das Behandeln in sehr kleinen Räumen und wenig Hilfsmittel und Geräten, unregelmäßige Abstände von Therapieeinheiten, schwierige Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen der Patienten. Trotz aller Schwierigkeiten konnten wir und kann die Physiotherapie bei Calcutta Rescue sehr vielen dankbaren Menschen helfen und Beschwerden lindern und heilen.

 

Ich habe die Zeit in Kalkutta bei Calcutta Rescue sehr genossen, sehr viel für meine Arbeit und mein Leben und vor allem über das Leben gelernt. Ich hatte tolle Mitvolontäre um mich, wir haben uns gegenseitig immer unterstützt und eine intensive Zeit miteinander verbracht. Kalkutta ist sehr intensiv, sehr extrem und sehr vielseitig. Man wird in einem Moment mit großer Armut und Leid konfrontiert und im nächsten Moment ist man von etwas wunderschönem überwältigt. Ein Satz einer jungen Inderin hat mich besonders beeindruckt und er sagt sehr viel über die Menschen dort aus:
"It is a struggle for most of us. Some are rich, some are lucky, some are unlucky, some are poor, some are lonely... but one thing is common and that is the strength to go on... to live no matter how the circumstances are. Not to let go the colour of life, the culture and to stick to our roots."
("Es ist ein Kampf für die meisten von uns. Manche sind reich, manche haben Glück, andere haben keins, manche sind arm, andere sind einsam….Aber eines ist allen gemein, die Kraft und Stärke weiter zu machen…,zu leben egal unter welchen Bedingungen. Weder die Farbe und Vielfalt des Lebens zu verlieren noch die eigene Kultur und Herkunft.")

 

von Annette Schmidt und Veronika Borkert, 2003

 Als ich vor einem Jahr als Physiotherapeutin in Kalkutta ankam, wurde ich sofort herzlich von den anderen Voluntären aufgenommen, die mich behutsam in die Details dieser ungewöhnlichen Stadt einweihten. Je mehr ich die Stadt kennenlernte, desto mehr lernte ich sie lieben.

Nach einiger Zeit wurde für mich Routine, was mich anfangs noch in größte Aufregung versetzt hatte, z.B. die Chitpur-Klinik für Leprakranke, die täglich komplett auf- und wieder abgebaut wird. Sie liegt abgelegen am Fluß inmitten eines riesigen LKW-Parkplatzes, da Anwohner eine solche Klinik aus Angst vor Ansteckung nicht in ihrer Nähe dulden würden. Hier behandelte ich Patienten in Gruppen mit dem Ziel, die krankheitstypischen Kontrakturen und Verstümmelungen zu vermeiden.

Eine andere Klinik ist die Mutter-Kind-Klinik, in der ich die Arbeit als besonders schwierig empfand, weil mich das Elend der Babys und Kinder besonders berührte. Kinder, die von Geburt an behindert waren, weil für die Mütter aus finanziellen Gründen keine Schwangerschaftsvorsorge möglich war, ganz zu schweigen von einem Kaiserschnitt. Umso größer war dann die Freude über oft sehr rasche Fortschritte in der Therapie, wenn die Kinder regelmäßig erschienen.

Eine der drei Calcutta Rescue Schulen gehörte mit zu meinem Arbeitsbereich. Dort behandelte ich in einem kleinen Klassenzimmer chronisch kranke Schüler und Lehrer. Hier herrschte immer ein buntes Treiben und es wurde viel gesungen und gelacht. Selbst Soma, die durch Poliomyelitis an einer schweren Skoliose (Cobbwinkel >50 Grad) leidet und die ihren rechten Arm wegen starker Paresen nicht mehr einsetzen kann, hat ihre Fröhlichkeit nicht verloren. Genauso Muni, die durch hochgradige Verbrennungen am ganzen Körper sehr entstellt ist. Auch Sobita hat ein schweres Schicksal, denn schon mit zwölf Jahren leidet sie an den ständigen Schmerzen und Deformitäten einer juvenilen Polyarthritis.

Generell behandelte ich in den Einrichtungen von Calcutta Rescue eine breite Palette von Krankheitsbildern und Patienten aller Altersstufen, die teilweise besonders interessant sind, weil sie bei uns nicht (mehr) vorkommen. Viele kamen mit schmerzhaften Kontrakturen nach Weichteilverletzungen, Frakturen, schweren Kontusionen oder Verbrennungen, denn Unfälle sind bei dem harten Leben auf den Straßen von Kalkutta an der Tagesordnung. Auch Patienten mit peripheren und spinalen Lähmungen oder Poliomyelitis, Tuberkulose sowie Kinder mit Deformitäten des Bewegungssystems aufgrund von Fehl- und Unterernährung brauchen dringend Behandlung.

Hierfür standen mir drei indische Physiotherapie-Assistenten zur Seite, die auch die wichtige Aufgabe des Übersetzers übernahmen. Die Arbeitsbedingungen in den einzelnen Projekten sind sehr unterschiedlich, sie reichen von verhältnismäßig gut, nämlich einem eigenen Raum mit Behandlungsbank und Ventilator, bis hin zu sehr einfach: Therapie auf einer Isomatte inmitten einer Baustelle. Von Privatsphäre kann hier keine Rede sein, aber vermutlich hatten die Inder, die es gewöhnt sind, mit vielen Menschen auf engstem Raum zu leben, damit weit weniger Probleme als ich. Neben den Behandlungen versuchte ich, den Physiotherapie-Assistenten ein wenig von meinem Wissen weiterzugeben. Außerdem begleitete ich Patienten zu orthopädischen Geschäften, wenn sie Spezialschuhe, Rollstühle oder eine Schienenversorgung benötigten.

Bei meinen Hausbesuchen zu Patienten, die in erreichbarer Nähe wohnten, lernte ich wie gut die Menschen trotz ihrer Behinderung zurecht kamen und wie vorbildlich sie von ihrem Umfeld integriert wurden. Oft war ich erstaunt, mit welcher Gelassenheit die Inder ihre z.T. sehr schweren Krankheiten ertrugen, was ich in diesem Ausmaß noch nicht erlebt hatte.

Überrascht war ich auch darüber, daß ich mit den Behandlungen ebensoviel Erfolg hatte wie in Deutschland, was mir anfangs aufgrund der bescheidenen Mittel unmöglich erschien. Unter diesen Umständen bewährte sich die Manualtherapie, für die keine weiteren Hilfsmittel nötig sind. Vorteilhaft war auch, daß sie notfalls auch bei Verständigungsschwierigkeiten eingesetzt werden kann. Dagegen mußte ich als Brügger-Therapeutin feststellen, daß ich diese Methode leider kaum nutzen konnte. Zum einen, weil die hierbei notwendigen Erklärungen wegen Sprachschwierigkeiten schwer durchzuführen waren, zum anderen war es fast unmöglich, auf das Wohn- und Arbeitsumfeld der Patienten Einfluß zu nehmen. Selbst die Anwendung einer heißen Rolle war für viele Patienten ein unerschwinglicher Luxus.

Auch wenn der Alltag oft sehr anstrengend und kraftraubend war, hatte ich doch nie das Gefühl, daß die Arbeit von Calcutta Rescue ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Auch wenn nicht alle Bedürftigen Hilfe bekommen können, so ist doch jedes Einzelschicksal, dem geholfen werden kann ein Erfolg und es wert, die Arbeit von Calcutta Rescue weiterzutreiben.